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Alleinflug

 

von Dieter Vogt

 Gedrillt auf die Handgriffe des Überlebens, sitzt ein klein gewordener Mensch in der geflügelten Maschine, zum erstenmal allein. Das Flugzeug steht lärmend auf der Wiese, der Propellerwind kämmt die Grashalme - so wird es also gleich losgehen. Gott befohlen. Was zögert der kleine Mensch noch?

Er macht ein gelassenes Gesicht, aber das kann man nicht deutlich erkennen, weil er sich dauernd mit einem Taschentuch über die Stirn wischt. Jetzt reibt er sich sogar die Hände, wahrscheinlich vor Vergnügen. Bis sie trocken sind. Er wirft einen Blick gen Himmel. Man darf das nicht mißverstehen. Er ist verpflichtet, den Luftraum zu beobachten.

Was er vorhat, ist alltäglich. Er wird Gas geben, starten, aufsteigen und nach fünf Minuten wieder auf die Erde zurückkehren.

NEIN, was er vorhat ist einmalig. Heute hat er Premiere. Zum erstenmal wird er da oben nur das Gebrüll des Motors hören und keine vorwurfsvolle Stimme: "Menschenskind, nicht so knapp, nicht so schnell, nicht so langsam. Wenn ich eben nicht rechtzeitig...dann hätten wir einen Unfallbericht schreiben müssen." Zum erstenmal allein. Die Stimme ist ausgestiegen.

Der kleine Mensch hört den Trommelwirbel, der die große Nummer ohne Netz ankündigt, aber es ist gar kein Trommler da, nur sein eigenes vorlautes Herz. Er spürt, wie ihm etwas kalt den Rücken herunterläuft. Genauso hat er sich die Sache vorgestellt. Eine Sache zwischen Angst und Hurra.

Er dreht den Kopf nach allen Seiten, als erwarte er in letzter Sekunde, daß der Fluglehrer zurückgerannt kommt und "Halt!" ruft. Aber der winkt vom fernsten Horizont und hat keine Bedenken. Nennt er das Verantwortung? Ein paar hundert Minuten lang hat er die schmale Kabine mit Sorglosigkeit und Flüchen belebt. Manchmal war es richtig gemütlich, so zu zweit. Nun ist die ganze Nestwärme weg.

Überraschend, ohne Warnung , hat der Lehrer seine Gurte gelöst, die Kabinentür aufgeklappt und von außen zugemacht, fort war er. Kein Wort mehr über Vergaservorwärmung oder Abrißgeschwindigkeit oder Querrudergiermoment, nur: "Schmeißen Sie mir die Mühle nicht hin!" Die Kabine ist so groß und leer.

Der Skrupellose scheint von weit her zu grinsen. Jetzt breitet er die Arme wie Flügel aus und läuft aufmunternd gegen den Wind. So flieg schon! Vom sicheren Airport läßt es sich gemütlich raten.

Der alleingelassene Mensch, eingesperrt in seinem dröhnenden Käfig, faßt vorsichtig den Gashebel an. Das Flugzeug rollt langsam an die Startbahn. Der Lehrer nickt, klappt die Flügel ein und verschränkt sie vor der Brust.

Es ist immer noch nicht soweit. Der zaghaft Himmelsstürmer kramt in seinem Kopf nach wichtigen Zahlen, die er gelernt, aber leider verlegt hat. Er erwischt sich dabei, daß er den Öldruck auf dem Höhenmesser ablesen will. Kein Ding scheint heute auf dem richtigen Platz. Die Flügel wackeln sacht im Wind. Nur nicht ungeduldig werden, wenn man schon sämtliche Zahlen vergessen hat. Bedachtsam greift der ruhige Mensch an das Rädchen der Borduhr, um den aktuellen Luftdruck einzustellen. Daß er den Irrtum sofort bemerkt, zeigt aber doch, wie gut er das Metier schon beherrscht.

Ob der Fluglehrer ihn überschätzt hat? Das fachmännische Gefummel am Steuerknüppel könnte ihn getäuscht haben. Der Lehrer ist noch ziemlich jung, höchstens sechsundzwanzig, vielleicht fehlt ihm die nötige Menschenkenntnis. So wird es sein. Er weiß nicht, was er tut. Es wäre ja nicht das erste Mal, daß man den kleinen Menschen da drin überschätzt. Er blendet immer mit Anfangserfolgen, und nachher, wenn's darauf ankommt, machen alle lange Gesichter - diesmal tragen sie womöglich schwarzen Anzug dazu.

Der kleine Mensch erschrickt. Mitten in seine Gedanken hinein hat er Vollgas gegeben. Der Motor brüllt auf vor Lust und Benzin. Der ganze Apparat schüttelt sich wie ein geladener Stier, wenn er die Arena betritt und die Stierquäler erblickt, und dann stürmt er vorwärts. Der Mensch stellt das Denken ein, er darf sich jetzt nicht mehr von Nebensächlichkeiten ablenken lassen.

Wie die Wiese vorbeiflitzt! Der Mensch wächst nicht immer mit seinen Aufgaben, aber meistens mit der Geschwindigkeit. Jetzt kann er nicht mehr von seinem Mut zurücktreten. Die Schwelle ist hinter ihm. Erleichtert legt er den Kopf auf die Seite und wird ganz Fingerspitze. Er fühlt den Druck des Steuerknüppels. Er hantiert, kontrolliert, reguliert und stiert auf die Zeiger, die alle wieder am rechten Fleck sitzen. Der Fluglehrer ist verweht. Die Landschaft schwankt im Wind.

Und so wird dem größer gewordenen Menschen bewußt, daß er den gefürchteten, heißersehnten Augenblick, da er zum ersten Mal allein die Erde verließ, verpaßt hat. Längst schwebt er über Busch und Baum. Die mechanische Beschäftigung hat ihn völlig gefesselt. Er war nur der Handlanger des Wunders, dessen Held er sein wollte.

Alles ist wie immer, und alles ist schon fast Routine. Kein Überschuß an Gefühl. Fliegen, wie banal! Auch nur eine Variation menschlicher Fortbewegung. Was hatte er sich nicht davon versprochen! Einen Rausch, eine große Trunkenheit oder so etwas. Der erste Alleinflug ist wie das erste Liebesabenteuer - mehr Aufregung als Lust.

Als er in achthundert Fuß Höhe wieder zu denken anfängt, ist er von seinen Gedanken enttäuscht. Der Wald dort unten sieht aus wie gestern und vorgestern. Er kennt ja jede Schneise von den Zweierflügen her. Auch die Äcker im Süden haben sich nicht verändert, ein paar Traktoren krabbeln wieder herum. O nein, er will nicht den Abgebrühten spielen, den die Welt von oben kalt läßt. Er genießt den Vogelblick, der alles wunderbar verwandelt, was man zu kennen glaubt. Aber er dachte halt, daß heute, daß beim ersten Mal noch eine ganz andere Dimension sich auftäte.

Dann fällt ihm doch etwas auf. Er betrachtet den zweiten Steuerknüppel. Sonst saß immer der Fluglehrer davor. Nun ragt das abgegriffene Stück Holz in die leere vordere Kabine. Und bewegt sich! Von keiner Hand berührt, schwenkt der Knüppel nach rechts, nach links, nach vorn und hinten. Der Vorgang ist lächerlich einfach: beide Knüppel sind miteinander verbunden; einer geht mit, wenn der andere bewegt wird.

Der Anblick des geisterhaft tanzenden Steuerknüppels geht dem verhinderten Helden nun doch unter die Haut, oder, wenn man will: ins Gemüt. Plötzlich erlebt er - daß nichts als Luft um ihn herum ist. Die Einsamkeit fühlt sich nicht schlecht an. Mit einer minimalen Handbewegung kann er die ganze Welt da unten kippen und ebenso leicht die schräge Welt wieder geraderichten - wer vermöchte das außer den Philosophen und Fliegern? Der Wald ist wirklich grüner, die Äcker sind akkurater gepflügt, um ihm zu gefallen. Er fliegt. Das Siebenmeilenstiefelgefühl.

Und nun sollte man ihn da oben sehen! Er tut lauter blödsinnige Dinge. Zum Beispiel singt er schrecklich laut: Ein Männlein steht im Walde, hurra, hurra. Indem er den Knüppel wegdrückt, wird er für einen Augenblick schwerelos. Indem er zieht, verdoppelt er sein Gewicht. Er fliegt eine steile Kurve, so daß sich der Himmel um ihn herum dreht, und als es dem Himmel schwindelig wird, steuert er taumelnd zum Flugplatz zurück.

Die Landung hat er leider ganz vergessen. Der schwierigste Teil. Augenblicklich läßt er das Denken sein und wird wieder zum Handlanger eines alltäglichen Wunders. Eine Bö pustet ihn von rechts an, die Landebahn verrutscht bis ins Seitenfenster. Was ist das für ein Fleck neben der Piste? Nur der Fluglehrer. Der kleiner werdende Mensch meint, ganz deutlich die Stimme zu hören, die den Motor überbrüllt. Gas weg, zu hoch, slippen, zu tief, zu langsam, Gas rein, Gas raus, immer noch zu schnell, linke Fläche hängt, ziehen, ziehen.

Die Räder berühren den Boden, ehe er darauf gefaßt ist. Das Flugzeug macht einen flachen Sprung. Es geht alles viel zu schnell.

Der ganz große Mensch klettert heraus. Schon ist der Fluglehrer da und schneidet ihm, wie es üblich ist, die Krawatte ab. Als Gegenleistung bekommt der Flugschüler die Hand des Meisters, der nun spricht: "Gratuliere. Recht ordentlich. Machen Sie gleich noch drei, vier Platzrunden. Damit Sie bald fliegen können."

Der Mensch, der soeben ein bißchen von seiner erdenbürgerlichen Unschuld verloren hat, starrt ihn sprachlos an. Er unterliegt der verständlichen Täuschung, er habe es bereits gelernt.